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Schrottplatzreportage: Wie ein „deutscher“ Mercedes in Wahrheit im Ausland seinen Anfang nahm

Karolis Bareckas

Karolis Bareckas

Gebrauchtwagen bewegen sich in Europa meist in eine Richtung – von West nach Ost. Westeuropäische Länder verkaufen, östliche kaufen. Deutschland ist Europas größter Autoexporteur, und wenn du jemals in Polen, Litauen oder Rumänien nach einem Fahrzeug gesucht hast, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es ursprünglich aus Deutschland kam.

Doch nicht alle folgen diesem Muster.

Bei carVertical stoßen wir regelmäßig auf Historienberichte, die eine ganz andere Geschichte erzählen: Autos, die von Osteuropa nach Westeuropa transportiert werden – wobei die Verkäufer dabei gerne mal vergessen, ihre eigentliche Herkunft zu erwähnen.

In dieser Schrottplatzreportage werfen wir einen Blick auf einen besonders kuriosen Fall: einen Mercedes-Benz C63 AMG, dessen Lebenslauf ein paar unerwartete Wendungen nahm.

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Kurzdossier

Täter: Mercedes-Benz C63 AMG

Baujahr: 2016

Schadensmeldungen: 1

Eingetragene Länder: 3

Aktuelle zugelassen in: Frankreich

Ein Kraftpaket mit traurigem Ende

Mit seinem 4,0-Liter-Motor und 469 PS ist der Mercedes-Benz C63 AMG kein gewöhnliches Auto – eher ein röhrendes Biest, das Fahrerkönnen und Fingerspitzengefühl erfordert. Der Held unserer Erzählung war zunächst in Frankreich zugelassen, wurde aber bald nach Serbien exportiert. Dummerweise konnte der neue Besitzer seine Power nicht allzu lange zähmen.

Nur zwei Jahre nach der Auslieferung erlitt der C63 AMG im Juli 2018 einen schweren Frontalzusammenstoß in Serbien.

Schadensfotos des C63 AMG aus dem Bericht

Ältere Fotos des Unfallwagens zeigen umfangreiche Schäden: eine zertrümmerte Stoßstange, eine verformte Motorhaube, verbogene Kotflügel und schwere Schäden am Kühler und der Kühlanlage. Auch die vordere linke Aufhängung wurde in Mitleidenschaft gezogen, mit optisch sichtbaren Verformungen und freiliegenden Kabeln.

Solche Schäden ziehen oft Probleme mit der Rahmenausrichtung, der Motorkühlung und Störungen der Elektrik nach sich. Auch die Airbag-Sensoren und die Achsausrichtung können beeinträchtigt sein, was ein Sicherheitsrisiko darstellt, das auf den ersten Blick nicht immer ersichtlich ist.

Der Besitzer verschwendete keine Zeit. Noch im selben Monat stand der beschädigte Benz zum Verkauf. Und hier wird es erst richtig interessant.

Die Zeitleiste zeigt, wann das Auto beschädigt wurde und zum Verkauf stand.

Ein Jahr nach dem Unfall stand der C63 AMG wieder zum Verkauf – dieses Mal allerdings in Deutschland.

Historische Fotos zeigten eine vollständige Verwandlung: Das Auto wirkte makellos, als hätte es nie einen Unfall gehabt.

Der Held unserer Geschichte steht nach der Reparatur in Deutschland zum Verkauf

Käufer in Deutschland (und anderen westlichen Ländern) neigen dazu, Autos zu vertrauen, die „schon immer heimisch waren“. Doch manchmal haben diese „deutschen“ Autos schon eine ganze Menge von der Welt gesehen.

Ist das auch hier der Fall? Sehr wahrscheinlich.

Nach zwei Jahren in Deutschland wurde derselbe Mercedes dann nach Frankreich importiert. Man kann davon ausgehen, dass er als „deutsches Auto“ beworben wurde – ein Label, das unangenehme Fragen vermeiden hilft. Eine einfache Überprüfung der Fahrzeug-Identifizierungsnummer hätte jedoch etwas ganz anderes verraten.

Warum schaffen es manche Autos nie zurück nach Hause?

Um besser zu verstehen, wie es zu solchen Fällen kommt, haben wir uns an einen unserer Partner gewandt und ihn gefragt, was er von diesem Mercedes hält und ob er ihn kaufen würde, nachdem er seine Vorgeschichte kennt.

Courtage Auto, ein in Frankreich ansässiges Autohaus, hat schon so manche ungewöhnliche Importgeschichte erlebt. Justine Martin, Leiterin der Einkaufsabteilung, erklärt, dass das Unternehmen häufig Fahrzeugimporte aus Osteuropa abwickelt – ein Beweis dafür, dass der Autotransport von Ost nach West inzwischen regelmäßig, wenn auch seltener, stattfindet.

Justine Martin

Laut Martin werden Autos oft im Ausland repariert, wenn eine Instandsetzung im Herkunftsland zu teuer wäre – was sie zu Hause zu einem Totalschaden macht.

„Frankreich hat mit die strengsten Zulassungsvorschriften in Europa. Wenn wir ein Fahrzeug sehen, das ursprünglich in Frankreich zugelassen war, aber jetzt im Ausland zum Verkauf steht, importieren wir es nicht zurück. Dahinter verbergen sich fast immer schwerwiegende Probleme – entweder struktureller oder administrativer Art“, sagt Martin und erklärt, warum das Unternehmen ein Fahrzeug mit einer solchen Vorgeschichte lieber meiden würde.

Was können Gebrauchtwagenkäufer aus dieser Geschichte lernen?

Während Autos aus Deutschland oft als gut gewartet und zuverlässig gelten, beweist die Reise des C63 AMG, dass der Ruf nicht immer der Realität gerecht wird. Ein Auto, das in Deutschland, Frankreich oder anderswo verkauft wird, könnte sein Leben in einem ganz anderen Land begonnen haben und von dort verborgene Sicherheitsmängel mitbringen.

Da es in Europa kein einheitliches Kfz-Register gibt, tauschen die Länder nicht automatisch Fahrzeugdaten aus. Das wiederum schafft perfekte Bedingungen für versteckte Schäden, Kilometerstandbetrug oder irreführende Inserate.

Egal, was ein Verkäufer behauptet: Vor dem Kauf eines Gebrauchtwagens solltest du unbedingt seine Vorgeschichte prüfen. Sonst erwirbst du vielleicht ein Fahrzeug, das ständig repariert werden muss – oder schlimmer noch, das im Straßenverkehr nicht sicher ist.

Nicht alle Importautos sind schlecht. Doch wenn du die Vorgeschichte kennst, weißt du, was du wirklich kaufst.

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Karolis Bareckas

Artikel von

Karolis Bareckas

Karolis ist ein Automobiljournalist, der sich auf die industrielle Sicht der Dinge konzentriert. Sein Ziel ist es, die Leser aufzuklären und die Transparenz auf dem Gebrauchtwagenmarkt zu fördern. Mit seiner Leidenschaft für Storytelling und seiner umfangreichen Erfahrung als Autor in verschiedenen Bereichen teilt Karolis gerne sein Wissen und informiert über Automobil- und Technikthemen. Außerdem ist er ein großer Fan von Muscle Cars und langen Roadtrips.